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Veranstaltungen - News

16.09.09 - 16:16 Uhr

90 Jahre das soziale Gewissen der Stadt

Mieterbund Wiesbaden lud zur Anhörung ins Rathaus

Statt zu einer Jubelfeier hatte der Mieterbund Wiesbaden und Umgebung e. V. aus Anlass seines 90-jährigen Bestehens am 19.6.2009 Vertreter aus der Wohnungswirtschaft, der Stadt- und Landespolitik, von befreundeten Mietervereinen und anderen wichtigen Sozialorganisationen ins Wiesbadener Rathaus eingeladen. „Die Jubelfeier wollen wir uns für unser 100-jähriges Bestehen vorbehalten", erklärte der Vereinsvorsitzende Helmut Domann in seiner Begrüßungsrede. Diesmal wolle man sich Fachfragen widmen. Deshalb hatte man namhafte Fachleute gebeten, über die Zukunftsfragen einer sozialen Stadtentwicklung zu referieren.

Vorsitzender Helmut Domann
Vorsitzender Helmut Domann

Nach einem Grußwort von Oberbürgermeister Helmut Müller startete Dr. Axel Ulrich vom Stadtarchiv der Landeshauptstadt Wiesbaden zunächst mit einem Streifzug durch die Historie. Er beschrieb die wirtschaftliche Situation im Gründungsjahr und in den Jahren zuvor. „Viele Menschen unserer Stadt und des gesamten Landes lebten zu dieser Zeit unter Verhältnissen, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann und über die wir leider auch nicht allzu viel wissen. Auch damals war die Gesellschaft in Arm und Reich geteilt, aber in einem Ausmaß, das heute nicht mehr vorstellbar ist", führte er unter anderem aus.

Oberbürgermeister Helmut Müller
Oberbürgermeister Helmut Müller

Dr. Axel Ulrich
Dr. Axel Ulrich

Viele Städte hätten sich der demographischen Veränderungen noch nicht angenommen, erklärte der Stadtsoziologe von der Bauhaus-Universität Weimar, Prof. Dr. Frank Eckardt. Es komme in der Einkommensstruktur, aber auch in einkommensunabhängigen Bereichen wie Alter, Kultur und ethnischer Zugehörigkeit zu immer größeren Unterschieden. Insbesondere die Angst und die Scham vor Armut müssten stärker als bisher bekämpft werden, forderte der Wissenschaftler.

Prof. Dr. Frank Eckhardt
Prof. Dr. Frank Eckardt

Die Ursachen einer sozialen Polarisierung und der damit verbundenen räumlichen Trennung liegen laut Heiner Brülle, Sozialplaner der Stadt Wiesbaden, in der Gesellschaftsstruktur und der immer weiter auseinander klaffenden Schere zwischen arm und reich. Brülle wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass 1994 „nur" 8,2% der Menschen in Wiesbaden auf Sozialhilfe (heute ALG II) angewiesen waren, inzwischen sind es rund 12%. Damit seien Chancengleichheit und Gerechtigkeit, was Wohnraum, Bildung, Freizeitgestaltung und Teilhabe in der Gesellschaft angehe, in weite Ferne gerückt.

Heiner Brülle
Heiner Brülle


Wiesbadens Stadtentwicklungsdezernent, Prof. Dr. Joachim Pös, wies in seinem Beitrag darauf hin, dass die heutigen Probleme durch die vielfältigen, verschiedenen Lebensstile noch vielschichtiger und durch die aktuelle Weltwirtschaftskrise nicht einfacher lösbar geworden seien. Trotzdem müsse alles getan werden, dass sich die Bürger einer Stadt in ihrer Stadt wiederfänden. Hierzu sei in den letzten Jahren in Wiesbaden einiges geschehen, was Pös anhand von zahlreichen Bildern verschiedener Plätze in Wiesbaden zu verdeutlichen versuchte.

Prof. Dr. Joachim Pös
Prof. Dr. Joachim Pös

Der Präsident des Deutschen Mieterbundes, Dr. Franz-Georg Rips, formulierte zum Abschluss der Veranstaltung klare Forderungen seitens des Mieterbundes an die Politik. „Der Bund muss Geld, auch aus dem Steuertopf, in die Hand nehmen, es an die Kommunen verteilen, so dass diese zeitgemäß handeln können. Nur so können soziale Nachbarschaften, Freiheit, Toleranz und Integration in einer schwierigen Zukunft erreicht und gesichert werden." Alle Kommunen müssten integrierte Stadtentwicklungskonzepte erstellen, die die Gesichtspunkte des Arbeitens und Wohnens, der Bildung, der Versorgung, der Freizeitgestaltung, des Klimaschutzes usw. einheitlich unter Beteiligung aller Akteure mit einer Bestandsaufnahme und mit Zukunftsvisionen behandeln. Diesem ganzheitlichen Ansatz müsse ein Fördersystem entsprechen, das die verschiedenen Förderprogramme zusammenfasst und sich aus dem Korsett der Verfolgung von Einzelzielen befreie. Ungeachtet dessen dürfte die soziale Wohnraumförderung nicht zu einem historischen Ereignis verkümmern, forderte Rips. „Wir brauchen auch in Zukunft im Bestand und im Neubau Wohnungen, die mit öffentlicher Förderung bezahlbar bleiben," so der Mieterbund-Präsident zum Abschluss.

Dr. Franz-Georg Rips
Dr. Franz-Georg Rips

Fachgespräche am Rande
Fachgespräche am Rande
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Blick ins Plenum
Blick ins Planum
Blick ins Plenum